9 Fragen an… Tim Biedler | Gedenkportal

Tim Biedler –  Gedenkportal.de

Immer wieder erscheint in der Debatte um aktuelle Trauer- und Erinnerungskultur der Begriff “virtueller Friedhof”. Tim Biedler, Gründer des Gedenkportals, nennt seine Plattform ein besseres Fotoalbum. Doch was ist das denn, so ein Gedenkportal? Welchen Nutzen hat es, wie wird es angenommen, was sagt es über die Kultur der Zeit aus?

Erfahren Sie mehr, über das virtuelle Kondolieren und Gedenken in Neun Fragen an Tim Biedler von der Plattform Gedenkportal.de.

© Tom Bayer – Fotolia.com

1. Seit wann gibt es das Gedenkportal und was war die Motivation es zu publizieren?

Gedenkportal.de ist seit April 2011 online. Zudem bieten in Deutschland und Österreich derzeit bereits mehr als 350 Bestatterfilialen unseren Gedenkseiten Service an. Zu diesem Zwecke haben wir eine spezielle Software entwickelt, um individuelle Gedenkportale erstellen zu können. Neben der reinen Potentialanalyse war sicherlich der Tod meiner Großmutter ein auslösender Faktor bei der Realisierung des Services.

2. Wie funktioniert das Portal?

Der Vertrieb läuft über unsere Partner aus dem Bestattungsbereich. Diese bieten ihren Kunden im persönlichen Gespräch kostenlose und auf Wunsch auch kostenpflichtige Premium-Gedenkseiten an. Wahlweise legen unsere Partner die Gedenksteite an, oder die Hinterbliebenen machen dies selbst. Das Anlegen einer Gedenkseite geht sehr einfach und nach etwa einer Minute ist die Seite auch schon online – die kostenlose Variante immerhin für 25 Jahre. Das eigentliche Erstellen, also das Hochladen von Bildern und das eventuelle Beschriften dauert wesentlich länger und ist eine gute Möglichkeit der Trauerbewältigung.

3. Und wie viele Gedenkseiten gibt es bereits?

Auf allen Gedenkportalen zusammen sind es mittlerweile einige Zehntausend Seiten. Das Wachstum ist enorm und auch die Zahl derjenigen Hinterbliebenen, die diese Seiten im Endeffekt nutzen, steigt stetig an.

4. Wie groß ist das Interesse der Öffentlichkeit an dem Thema, wollen die Menschen eine neue Gedenkkultur?

Das Interesse der Öffentlichkeit an virtuellem Gedenken ist  groß. Es handelt sich jedoch auch um ein sensibles Thema, welches praktisch jedem unangenehm ist. Wer spricht schon gerne über den Tod, ist dieser doch mit Schmerzen und Trauer behaftet. Die Chance liegt nun meines Erachtens darin, mit dem ganzen Thema Tod etwas offener umzugehen. Wir nennen unseren Service auch ganz bewusst nicht Trauerseiten, sondern Gedenk- oder Erinnerungsseiten. Wir wollen nicht an den Tod erinnern, sondern an das gelebte Leben, an wichtige und schöne Momente welche die Hinterbliebenen gemeinsam mit den Verstorbenen erlebt haben. Wenn man generell sagt, dass einem nach dem Tod lediglich noch die Erinnerungen an die verstorbene  Person bleiben, wohin dann mit diesen Erinnerungen, wenn nicht in ein Album, Buch oder eben in eine Onlinepräsenz? Der Friedhof bzw. das Grab kann und soll dies nicht leisten. Wir verstehen uns daher auch nicht als virtueller und damit schlechterer Friedhof, sondern als besseres Fotoalbum.

5. Welche Erfahrungen haben Sie mit „Alteingesessenen“ gemacht, mit Bestattern zum Beispiel, wenn es um neue Ansätze in der Trauerbewältigung geht?

Die Bestattungsbranche hat in den letzten Jahrzehnten nur wenige wirkliche Neuerungen erfahren, vielleicht ist dies der Grund dafür, dass diese Branche nicht unbedingt der optimale Nährboden für neue Ideen ist. Ich merke jedoch, wie sehr die Branche derzeit in Bewegung gerät. Große Änderungen stehen nun auch in dieser Branche an, die Schere geht auf, auf der einen Seite stehen beispielsweise Discount Bestatter, auf der anderen Seite innovative, Dienstleistungsorientierte Bestatter. In der Mitte bleiben diejenigen, die sich nicht bewegen und beispielsweise auch im 21. Jahrhundert das Internet nicht wahrhaben wollen. Diese Unternehmen werden in den kommenden 2-5 Jahren massive Probleme bekommen. Aus diesem Grunde werden wir unsere Partner künftig auch stärker selektieren. Nur überzeugte Partner können wiederum ihre eigenen Kunden für etwas Neues begeistern und werden dann sicherlich auch erfolgreich am Markt bestehen können.

6. Eine Gedenkseite für einen Menschen im Netz scheint nie zu erlöschen? Gehört zu einem Abschied nicht auch ein Ende des Abschieds? Was ist, wenn niemand mehr Kondolenzeinträge macht – erscheint es dann nicht so, als ob sich niemand mehr für den Verstorbenen interessiert?

Laut Knigge kondoliert jeder immer nur einmal, daher ist das so gewollt. Es gibt andere Möglichkeiten, sein Beileid regelmäßig auszudrücken, beispielsweise Kerzentexte. Trägt dort niemand mehr etwas ein, finde ich es schon ein wenig traurig. Es ist dann genau wie bei einer Grabstätte, die nicht mehr besucht wird und auf die keine Blumen mehr gelegt werden.

Der Unterschied bei unseren Gedenkseiten ist jedoch: Unsere Seiten erinnern aktiv an wichtige Daten, wie beispielsweise den Geburts- oder den Sterbetag. Jeder kann auch individuelle Erinnerungen für persönliche, wichtige Tage eintragen und sobald jemand etwas auf der Seite hinterlässt, wird dies auf Wunsch angezeigt. Wir helfen also aktiv dabei, sich zu erinnern.

7. Welche Rückmeldungen bekommen Sie von den Trauernden?

Wir bzw. unsere Partnerbestatter erhalten durchweg positive Rückmeldungen.

8. Die Eintragungen sind kostenlos, es gibt keine Werbung: Wie finanziert sich das Portal eigentlich?

Es gibt kostenlose Gedenkseiten und auch eine Premiumvariante, die jährlich 39,00 € für das Hosting kostet und gut angenommen wird. Wir haben mit floretto.de einen bundesweiten Trauerfloristikservice in der Pipeline, mit dessen Hilfe Blumen und Kränze direkt auf jedes Grab geliefert werden können – eine echte Neuheit. Zudem haben wir vor knapp 2 Jahren glücklicherweise Investoren, die einen hohen Betrag in die Entwicklung des Softwaresystems gesteckt haben. Unsere Partnerbestatter zahlen uns eine, wenn auch geringe, monatliche Miete.

9. Herr Biedler, welche Pläne gibt es für das Gedenkportal  

In wenigen Wochen geht gedenkportal.at mit den ersten 15 Bestattern in Österreich online. Danach starten wir in Brasilien mit einem landesweiten Gedenkportal. Derzeit entwickeln wir eine Software für die einfache Erstellung von Erinnerungsbüchern.

Im April stellen wir eine komplett neue Version unserer Software vor, einfacher in der Bedienung und mit vielen neuen Möglichkeiten.

Ich danke Ihnen für Ihre Zeit und die Beantwortung der Fragen.

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